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Vianden Castle

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Geschichte


Das spatrömische Kastell

Erste Bauperiode (4. - 5. Jahrhundert)
Der Felsvorsprung über dem Ourtal wurde ein erstes Mal in der Spätantike befestigt. Die geographische Lage sowie die archäologischen Funde geben Anlass zur Vermutung, dass diese befestigte Anlage während der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts von einer offiziellen Garnison des römischen Heeres besetzt war, wie dies bei zahlreichen castella auf den Anhöhen des Trierer Landes der Fall war.
Durch die archäologischen Untersuchungen unter der Hauptburg konnten die Strukturen dieser römischen Befestigungsanlage ermittelt werden. Die südliche Spitze des Vorsprungs wurde von einem quadratischen Turm (Seitenlange ca. 10,50 m) bewacht. Zwei Kurtinen gingen jeweils von der nordöstlichen und der westlichen Turmecke aus, sie folgten der Abbruchkante des Schieferfelsens. Abgesehen von einigen Pfostenlöchern sind keine weiteren Spuren der Innenbebauung erhalten geblieben.
Der nordwestliche Hügelabhang war durch einen breiten Graben geschützt, der in den Naturschiefer eingetieft war.
Dieses den Flussübergang kontrollierendes Kastell gehört zu einer Gruppe von Höhenbefestigungen, die besonders wahrend der zweiten Hälfte des 4. und der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts zur Überwachung der Verbindungswege im Trierer Hinterland dienten.
Gegen Mitte des 5. Jahrhunderts wurde die spatantike Anlage durch Brandeinwirkung teilweise zerstört.

Das frühe Mittelalter

Zweite Bauperiode (6. bis 10. Jahrhundert)
Dank der jüngsten archäologischen Forschungsarbeiten in der unterhalb der Schlosskapelle gelegenen Vorburg konnten wir unsere Kenntnisse der Baugeschichte dieser wichtigen Burg vervollständigen. Da die Forschungsarbeiten noch nicht abgeschlossen sind, werden wir uns im Rahmen dieser Veröffentlichung auf eine kurzgefasste Skizze der frühmittelalterlichen Anlagen beschränken.
Die in der Vorburg vorgenommenen Grabungen belegen zahlreiche Strukturen, die in den Naturfelsen gehauen waren. Diese in den Schiefer des südöstlichen Hügels geschlagenen Pfostenlocher dienten als Unterbau einer Holzpalisade. Eine archäologische Überraschung war die Entdeckung eines Hohlwegs, der Fußgängern den Zugang über den südwestlichen Hügel ermöglichte.
Das im Verlauf der Grabungsarbeiten zutage geförderte archäologische Material ermöglichte es, diese Strukturen dem frühen Mittelalter zuzuordnen, d.h. der Merowinger- und Karolingerzeit. Die Grabungen belegen, dass der Turm des römischen Kastells zu dieser Zeit noch genutzt wurde. Unterhalb dieses quadratischen Turms wurde eine Holzbefestigung hinzugefugt, um den Zugangsweg vom Ourtal herauf zu schützen.
Der aktuelle Forschungsstand über die Merowinger- and karolingerzeitlichen Anlagen dieser Gegend gestattet keine klare Aussage über die genaue Funktion einer solchen frühmittelalterlichen Befestigung.
Die in den Texten erwähnten Befestigungsbauten dieser Zeit dienen ausschließlich dem Schutz der großen karolingischen Abteien, die im Umfeld der Normanneneinfalle entstanden (Prüm und Echternach).
Die erste Funktion dieser Befestigungsanlage dürfte vorwiegend administrativer Natur gewesen sein. Die frühmittelalterlichen Texte belegen nämlich, dass die an Flüssen und Strassen erhobenen Zölle integrierender Bestandteil des Wirtschaftssystems (fiscus) der Merowinger- and Karolingerzeit waren. Es galt demnach, einen geeigneten Standort zur Erhebung dieser Zölle ausfindig zu machen.

Die erste mittelalterliche Burg

Dritte Bauperiode (um das Jahr 1000)
Das Hauptelement der ersten mittelalterlichen Burg ist eine Ringmauer mit ovalem Grundriss. Der alte Turm auf der Spitze des Vorsprungs wurde in diese Verteidigungsanlagen mit einbezogen. Gegen Nordosten durchbrach ein von Blöcken aus gelbem und buntem Sandstein umrahmtes Tor die Ringmauer und führte in den Binnenhof.
Die Tatsache, dass dieser Eingang auf einer bestimmten Höhe in der Kurtine liegt, bezeugt die Existenz einer im Felsen verankerten Holzbrücke. Ein hallenartiges Gebäude mit trapezförmigem Grundriss (Aula) war an die südwestliche Kurtine angelehnt. Der Rekonstruktionsvorschlag dieser ersten mittelalterlichen Anlage, die wahrscheinlich um das Jahr 1000 herum errichtet wurde, zeigt uns eine Burg, die bereits die beiden wesentlichen Bestandteile der künftigen Grafenresidenz aufweist, d.h. eine Halle (Aula) und eine Kapelle (capella). Allein der Wohnturm fehlte noch. Zur Jahrtausendwende war die Viandener Burg noch nicht ständiger Wohnsitz einer Adelsfamilie, aber wie im Frühmittelalter diente sie vorwiegend Verwaltungszwecken

Die erste Wohnburg

Vierte Bauperiode (um 1100)
Der quadratische Burgfried an der Nordseite der Burganlage entstand wahrscheinlich unter Bertolf ,,comes de Vianne" (s. Die Grafen von Vianden). Gleichzeitig werden wichtige Umbauten an der Aula vorgenommen. Das Erdgeschoss dieses großen Gebäudes umfasste damals eine Küche, Wohnräume und Latrinen.
Wir können daraus schlussfolgern, dass Burg Vianden um das Jahr 1100 ständiger Wohnsitz einer Adelsfamilie war. Diese Residenz der Grafen von Vianden wird demnach mit den drei wesentlichen Gebäuden der mittelalterlichen Burg ausgestattet, nämlich dem Palas (aula), der Kapelle (capella) und dem Burgfried (camera).
Im unteren Teil der Befestigung bildete eine Gebäudegruppe mit unterschiedlichen Funktionen eine erste Vorburg. Der alte Zugangsweg wurde einem Eingangstor mit gewölbtem Durchgang eingegliedert. Zur gleichen Zeit wurde die schützende Holzpalisade der Vorburg durch eine erste massiv gebaute Ringmauer ersetzt. Beim jetzigen Stand der Forschung wäre eine genaue Funktionsbestimmung der freigelegten Vorburgbebauung verfrüht.

Die zweite Wohnburg

Fünfte Bauperiode (Erste romanische Phase, um 1150)
Es gilt als wahrscheinlich, dass unter Graf Friedrich I. von Vianden große bauliche Veränderungen an der Hauptburg vorgenommen wurden. Die in dem quadratischen Turm aus spätrömischer Zeit untergebrachte Kapelle wurde durch eine neue Kapelle mit zehneckigem Grundriss ersetzt. Der neue Sakralbau war zweigeschossig, er besaß eine zentrale Verbindung and einen nach Südosten hin ausgerichteten Chorraum.
Zur repräsentativen Gestaltung des Palas wurde das obere Stockwerk an jeder Seite mit großen Zwillingsfensteröffnungen ausgestattet. Zugleich wurde der alte Burgfried durch einen dreistockigen Wohnturm ersetzt, dessen Überreste sich in der Südwestfassade der Burg abzeichnen. Um Platz zu gewinnen, wurde der innere Wehrgang aufgegeben. Ein neuer Wehrgang auf Arkadenstutzen verlief jetzt entlang der Außenfassade. Die Baufugen der Stutzpfeiler sind an der Südwestfassade noch deutlich zu erkennen.
In bezug auf die Vorburg lassen die laufenden archäologischen Grabungen keine größeren Umänderungen erkennen.

Die dritte Wohnburg

Sechste Bauperiode (Blütezeit des romanischen Stils, um 1200)
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts sind grundlegende bauliche Veränderungen vorgenommen worden. In einer ersten Bauphase wurde ein neuer Palas (10 x 30 m) an der nordöstlichen Seite des Felsrückens erbaut. Oberhalb des alten Grabens aus spätrömischer Zeit wurde ein großräumiger Keller in den Felsen eingetieft.
Gleichzeitig wurde die obere Etage der Kapelle dem romanischen Stil dieser Zeit angepasst. Diese beiden grof3en Gebäude - Palas, Kapelle waren durch eine monumentale Galerie miteinander verbunden; mehrere kleeblattförmige Öffnungen sind uns davon erhalten geblieben. All diese repräsentativen Gebäude sind in einer Linie angeordnet, und ihre Hauptfassaden sind nach Nordosten orientiert, also in Richtung Reich. Die Wohngebäude - nur mehr teilweise erhalten - sind nach Südwesten ausgerichtet. Diese Architekturkonzeption belegt den ausgeprägten Sinn des Bauherrn fürs Monumentale und weist die Burg von Vianden weit eher als Palas denn als Verteidigungsanlage aus.
Vielleicht zur gleichen Zeit, oder einige Jahre später, wurde ein Turm mit achteckigem Grundriss in der ehemaligen Vorburg am Südende des Felsens errichtet. Dieser Turm setzte die gerade Linie der repräsentativen Gebäude (Palas, Galerie, Kapelle) der oberen Burg fort.
Ein Eingangstor, dessen reiche Verzierungen die Wichtigkeit der Anlage widerspiegeln, durchbrach die Ringmauer der Vorburg. Ein zweiter, mit Zierelementen versehener Fußgängerdurchgang (Poterne) führte in die Vorburg and ersetzte den alten Zugang, der den vom Dorf heraufkommenden Fußgängern vorbehalten war.Bauherr dieser letzten großen romanischen Phase war sicherlich Friedrich III., ein treuer Vasall der Staufer.

Die gotische Bauphase

Siebte Bauperiode (um 1250)
Dem Zeitgeist entsprechend wurde die Burg Vianden gegen Mitte des 13. Jahrhunderts konsequent im gotischen Stil umgebaut. Alle repräsentativen Gebäude: der Große Palas, die Prunkgalerie, die Schlosskapelle, wurden mit hohen Treppengiebeln versehen. Der Wohnturm wurde ausgebaut und ein zusätzlicher Wohnbau, der Alte Jülicher wurde an der nordwestlichen Ecke des Großen Palas hinzugefügt.
Diese Gebäudegruppe wurde ebenfalls von hohen gotischen Dächern gekrönt. Zur gleichen Zeit kamen zwei Turme an der nordwestlichen Bastion hinzu. Zu diesem Zeitpunkt erhielt Burg Vianden die charakteristische Silhouette, die bis zum letzten Jahrhundert vorherrschte. Während dieser Umbauarbeiten wurden alle Decken der Repräsentationsbauten mit Gewölben versehen. Die Ringmauer der Vorburg wurde nach Südwesten hin verlagert, um den Schlosszugang besser zu schützen.Diese großen Umbauten erfolgten unter Heinrich I., Graf von Vianden und von Namur. Der eindrucksvolle Repräsentationsbau sollte die Macht des Grafenhauses vor den Untertanen demonstrieren, zugleich bezeugt er den Ehrgeiz der Viandener, sich mit den Großen des Reiches und vor allem mit dem Haus Luxemburg zu messen.

Der Niedergang

Ein zeitgenossischer Stich von Matthäus Merian d. J. zeigt uns Burg Vianden kurz vor 1620. Zu diesem Zeitpunkt sind fast drei Jahrhunderte seit der letzten großen Bauperiode vergangen, die den Höhepunkt des politischen Wirkens der Grafen von Vianden kennzeichnet.
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts fällt das Haus Vianden unter die Lehnsherrschaft der Grafen von Luxemburg und verliert rasch an Bedeutung. Nach dem Tod (1417) der Gräfin Marie von Sponheim und Vianden, dem letzten Sproß des Geschlechts Vianden, kommt die Grafschaft mit der Burg in den Besitz des Ottonischen Zweigs der Oranien-Nassau.
Mit dem Erlöschen des Geschlechts derer von Vianden verlor die Burg ihre repräsentative Funktion und diente nunmehr hauptsachlich zu Lagerungszwecken (Beginn des 15. Jahrhunderts).
Als in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zwei neue Wohnbauten für die Verwalter (Intendanten) in der Mitte der Burg errichtet wurden (s. Abb. 23), hatte Vianden bereits seit langem seinen machtpolitischen Stellenwert verloren. Im Zuge des langsamen Niedergangs dieser ehemaligen gräflichen Residenz wurden alle mittelalterlichen Bauten der Vorburg abgerissen und durch neue landwirtschaftliche and handwerkliche Bauten ersetzt (Ställe, Schlossereien, Brauerei, Wohnungen der Wachter).Die Burg verlor ihren letzten Glanz im August 1820, als sie durch öffentliche Versteigerung in den Besitz des Viandener Bürgers Wenzel Coster überging. Nach dem Erwerb der Burg begann der neue Besitzer sofort mit dem Abriss and dem Verkauf der Materialien (besonders die Balken der Dächer and Speicher sowie das Blei und das Kupfer der Dachrinnen).

© by John Zimmer
Quelle: Die Burgen des Luxemburger Landes von John Zimmer
Zeichnungen: John Zimmer
Musée National d'Histoire et d'Art, Luxembourg
Service des Sites et Monuments nationaux, Luxembourg

Merian 1643